Wie die Fleischindustrie das Internet zum Schlachtfeld antiveganer Propaganda macht. Ein aktueller Verdacht.
Im November 2025 ging ein Reddit-Post in der veganen Community viral. Unter dem Titel „I was paid to discredit veganism online. Ask me anything.” – „Ich wurde dafür bezahlt, Veganismus online schlechtzureden. Fragt mich alles.” – schilderte ein anonymer Nutzer, wie er ein Jahr lang für eine US-amerikanische Handelsorganisation der Fleischindustrie gearbeitet hatte.
Der Post schoss innerhalb von Stunden an die Spitze des Feeds. Tausende kommentierten, teilten, diskutierten. Und viele schrieben dasselbe: Sie hatten das Gefühl, dieser Text beschreibe etwas, das ihnen aus Online-Diskussionen wohlbekannt vorkam.
Was der Whistleblower berichtet
Der Poster – sein Konto wurde inzwischen gelöscht, der Thread ist aber gut dokumentiert – beschreibt, wie er für 17 Dollar die Stunde im Internet gegen Veganismus gehetzt hat. Laut ihm ruhte das System
auf fünf Säulen:
- Gefälschte Krankengeschichten. Das Team erstellte neue Accounts, gab sich als langjährige Veganer aus und veröffentlichte erfundene Leidensberichte, von Haarausfall bis zur Zwangsstörungen, alles angeblich durch vegane Ernährung verursacht.
- Massenproduktion von Ex-Veganer-Erzählungen. Sie fabrizierten ganze Gesprächsverläufe in Ex-Veganer-Foren, um den Eindruck zu erwecken, dass in Scharen Menschen aus dem Veganismus „fliehen”.
- Streuung falscher Gesundheitsbehauptungen. Sie verstärkten routinemäßig Ängste vor Nährstoffmängeln, die in der Praxis kaum nachweisbar sind, und dramatisierten die Zahl der Tiere, die bei der Getreideernte getötet werden.
- Radikalisierung veganer Gruppen von innen. Sie infiltrierten vegane Communities und posteten bewusst feindselige, extreme Kommentare, um die Bewegung zu spalten und nach außen irrational, dogmatisch und radikal wirken zu lassen.
- Selektives Zitieren von Studien. Sie wählten gezielt Studien heraus, die bestimmte Formen der Fleischproduktion als „nachhaltig” darstellten, während sie den erdrückenden Gegenbefund ignorierten.
Am Ende kündigte der Poster, weil ihm die Arbeit unerträglich wurde: „Ich wusste nicht, dass ich mich schuldig fühlte, als ich kündigte. Ich hasste den Job einfach nur. Heute weiß ich, dass ich gute Menschen manipuliert habe, die versuchen, die Welt humaner zu machen.”
Kann man das glauben?
Der Poster blieb anonym und gibt an, einen Geheimhaltungsvertrag unterschrieben zu haben, weshalb er den Auftraggeber nicht nennen kann. Er selbst mahnte zur Skepsis: „Ihr wisst nicht, ob ich die Wahrheit sage. Das ist Teil meines Punktes. Seid skeptisch gegenüber allem im Internet und prüft Quellen. Wenn ihr skeptisch gegenüber mir seid und anderen, dann habe ich meinen Dienst getan.”
Unabhängig davon, ob dieser konkrete Fall authentisch ist: Er passt hervorragend zu dem, was Recherchen über die Fleischindustrie seit Jahren belegen.
Der Fall EAT-Lancet: Astroturfing im großen Maßstab
Das bislang am besten dokumentierte Beispiel für koordinierte Desinformation der Fleischbranche ist die Kampagne gegen den
EAT-Lancet-Bericht von 2019. Dieser Report, verfasst von 37 führenden Ernährungs- und Umweltwissenschaftlern aus 16 Ländern, empfahl eine drastische Reduktion des Fleischkonsums, aus Gründen der menschlichen Gesundheit und der planetaren Belastungsgrenzen. Mit mehr als 600 politischen Zitierungen bis 2024 ist der EAT-Lancet-Bericht eine der einflussreichsten Fachstudien, die je veröffentlicht wurden.
Die Antwort der Fleischindustrie kam schnell, koordiniert und anonym. Geleakte Unterlagen, enthüllt von der Klimajournalismus-Plattform DeSmog und dem Guardian, zeigen, dass der Backlash teilweise von der PR-Agentur
Red Flag orchestriert wurde, im Auftrag der
Animal Agriculture Alliance, einer Lobbyorganisation, der Branchenriesen wie Cargill und Smithfield Foods angehören.
Das Herzstück der Kampagne war der Hashtag #Yes2Meat, der am 14. Januar 2019, drei Tage vor der offiziellen Veröffentlichung des Berichts, lanciert wurde. Der Hashtag erreichte 26 Millionen Menschen auf Twitter, mehr als der Bericht selbst. Es gelang ihr, eine breite Kritik am Bericht zu streuen, die aussah, als sei sie organisch, obwohl sie gezielt von einer Agentur geschürt wurde. Die #Yes2Meat-Kampagne ist ein Lehrbuchfall von “Astroturfing”.
Einer der Hauptakteure war Frank Mitloehner, Direktor des CLEAR Center an der UC Davis. Er erhielt zwischen 2002 und 2021 fast 12,5 Millionen Dollar aus der Fleischindustrie, mit denen er, so zeigen es geleakte Dokumente, eine akademische Opposition von 40 Wissenschaftlern „lancierte”, die zeitlich mit der #Yes2Meat-Kampagne abgestimmt war — und den „bemerkenswerten Erfolg” der Kampagne anschließend nutzte, um bei Industriesponsoren weitere Mittel einzuwerben.
Ein Muster, das man kennen sollte
Der Reddit-Whistleblower und der EAT-Lancet-Fall sind keine Einzelfälle. Die Fleischindustrie hat eine gut dokumentierte Geschichte aggressiven, manipulativen Lobbyings. Die Branche investiert nach Berichten Millionen, um pflanzliche Ernährung schlechtzureden.
Früher, so der Whistleblower, floss das Geld vor allem in Organisationen mit harmlosen Namen wie „Center for Consumer Freedom” oder „HumaneWatch”, die dann Tierschutzorganisationen wie die Humane Society angriffen. Die Strategie hieß „attack the messenger”: diskreditiere den Überbringer schlechter Nachrichten, um die Nachricht selbst zu entkräftigen, ohne sich inhaltlich mit ihr zu beschäftigen.
Ein zentraler Bestandteil der Strategie war es, die Veganer-Industrie als mächtiger und bedrohlicher darzustellen, als sie ist, indem man von “Big Vegan” sprach, analog zu “Big Oil”. Der Whistleblower kommentierte das trocken: „Wir redeten über ‚Big Vegan’ und das ganze Pflanzen-Großkapital, aber das war ein Witz. Die haben vielleicht ein Zehntel eines Prozents von dem, was die Fleischindustrie hat. Denk mal nach: Was verkauft sich besser – Hamburger oder Beyond Burger? Was generiert den Profit, der solche Arbeit finanzieren kann?”
Was das für Konsumenten bedeutet
EAT-Lancet 2.0 soll 2026 veröffentlicht werden — und die Changing Markets Foundation
warnt bereits, dass es in einem feindseligeren Umfeld erscheinen wird als 2019. Die Reichweite der Desinformanten ist gewachsen, während Künstliche Intelligenz es ermöglicht, diese authentischer und in größerem Maßstab zu produzieren.
Man darf sich also auf eine echte Propaganda-Schlacht freuen, die, ob man es will oder nicht, jeden betrifft.