Tierschutz, Ernährung und Gesundheit in Ulm, Neu-Ulm und Günzburg

DAS IDYLL, DAS ES NICHT GIBT

Die Weide: eine Illusion

Rind gilt als das nachhaltige Fleisch, das man, im Gegensatz zum Schwein, mit einigermaßen gutem Gewissen kauft. Ist das so?

 ·  Magazin Tierhaltung  ·  3. September 2026  ·  Aus Ausgabe 2/2026, S. 20, 21

Wie man sich das Leben der Rinder halt so vorstellt ... Copyright: Vegionale

Rind gilt als das nachhaltige Fleisch, das man, im Gegensatz zum Schwein, mit einigermaßen gutem Gewissen kauft. Ist das so?

Wenn man an Rindfleisch und Milch denkt, kommen einem schnell schöne, idyllische Bilder in den Sinn: Leben die Rinder nicht frank und frei auf der Weide? Fressen sie nicht das Gras, das ansonsten verdorrt, bewirtschaften sie nicht Hänge, die ansonsten verbuschen? Ist Rind und Käse zu essen nicht sogar gelebter Naturschutz, wie es Hubert Weiger, ehemaliger Vorsitzender der Naturschutzorganisation BUND, vor wenigen Jahren sagte?

Die Kuh ist ohne Zweifel ein biologisches Wunder. Sie wandelt Gras, das für die meisten Lebewesen unverdaulich ist, in nährstoffreiche Lebensmittel um. Sie kann Flächen bewirtschaften, die für Pflug und Traktor unerreichbar bleiben, und sie erhält mit der freien Wiesenlandschaft einen Lebensraum für viele Arten.

Aber das Idyll, das man nun vor Augen hat, war vielleicht mal echt. Irgendwann. Heute ist es eine Illusion. Erstens lebt nur ein Bruchteil der Rinder auf einer freien Weide. Zwei Drittel leben dauerhaft im Stall, je nach Region etwas mehr oder etwas weniger. Sie bewirtschaften keine ansonsten fruchtlosen Wiesen – sondern fressen das, was auf den Äckern wächst.

Zweitens ernähren sich selbst die Rinder, die auf der Weide leben, nicht von Gras allein. Die heutigen hochgezüchteten Rassen, etwa die Weißblauen Belgier für Fleisch oder die Holstein-Kühe für Milch, sind Leistungssportler im Stoffwechsel und benötigen, wie ein Bodybuilder, ihr Kraftfutter.

Flächenraub für Weiden

So oder so – um Rindfleisch und Milch zu produzieren, braucht es nicht nur Ställe und Weideland, sondern auch Ackerland. Und zwar jede Menge. Daher schneiden beide Lebensmittel fürchterlich ab beim vermutlich wichtigsten Indikator für die menschliche Ernährungssicherheit und biologische Diversität – dem Flächenbedarf je Protein oder Kalorie.

Alles, was vom Rind kommt, braucht ein Vielfaches der Fläche von Getreide oder Gemüse. 1.000 Kilokalorien Rindfleisch benötigen fast 120 Quadratmeter, Käse fast 23, Milch knapp 15. Tomaten dagegen nur 4,35, Erbsen 2,16 und Weizen 1,44. Das Einsparpotenzial ist absurd groß: Wer Milch durch Hafermilch ersetzt, spart je 1.000 Kalorien etwa 12 Quadratmeter; wer anstatt Rinderhack Çiğköfte aus Weizen isst, sogar bis zu sagenhaften 118 Quadratmetern. Diese Fläche könnte man der Natur zurückgeben oder nutzen, um mehr Menschen satt zu machen.

Flächenverbrauch pro 100 g Protein

  • Lamm/Schaf — 184,81 m²
  • Rind (Fleischrassen) — 163,60 m²
  • Käse — 39,76 m²
  • Milch — 27,12 m²
  • Rind (Milchvieh) — 21,9 m²
  • Schwein — 10,73 m²
  • Tomaten — 7,27 m²
  • Geflügel — 7,06 m²
  • Eier — 5,65 m²
  • Erbsen — 3,36 m²
  • Weizen/Roggen — 3,16 m²

Landverbrauch in Quadratmetern in einem Jahr, um 100 g Protein zu produzieren – am Beispiel verschiedener Lebensmittel. Quelle: Poore und Nemecek (2018).

Beides ist dringend nötig. Der Flächenbedarf der Landwirtschaft gilt als stärkster Treiber des modernen Artensterbens. Agrarfläche zerstört den Lebensraum vieler Arten, Pestizide ruinieren die Bestände an Insekten. Jeder Hektar, den man hier einsparen kann, ist ein Gewinn für die Biodiversität.

Während Arten aussterben, steigt der globale Hunger wieder. Wegen des Klimawandels und des weiteren Bevölkerungswachstums werden die fruchtbaren Flächen knapp. 2025 waren mehr als 600 Millionen Menschen chronisch unterernährt. Die Welt kann es sich nicht mehr leisten, die Kalorien, die auf den Feldern wachsen, an Rinder zu verfüttern.

Einzelne Rinderherden mögen nachhaltig sein. Das bestreitet niemand. Aber als Ganzes richtet Rinderhaltung dauerhaften Schaden an, den sich unsere Welt immer weniger leisten kann.

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