INTERVIEW
„Eine Kuh, die ein Werkzeug benutzt – das galt als unmöglich.“
Die Kuh Veronika machte Schlagzeilen, weil sie verblüffend intelligent ist. Kognitionsbiologin Alice Auersperg, die Veronika dokumentiert hat, erklärt im Interview, warum.
Die Kognitionsbiologin Alice Auersperg sucht Werkzeuggebrauch sonst auf fernen Inseln. Eine ihrer erstaunlichsten Entdeckungen machte sie auf einer Weide in Kärnten: eine Kuh, die sich mit einem Rechen kratzt.
Auf einer Wiese im Gailtal hebt eine Kuh einen hölzernen Rechen vom Boden auf. Sie dreht ihn so, dass die Zinken nach unten zeigen, klemmt den Stiel zwischen die Zähne und kratzt sich den Rücken. Veronika, 13 Jahre alt, hat das niemand beigebracht. Sie lebt bei einer Kärntner Künstlerfamilie, läuft das ganze Jahr auf der Weide und darf tun, was die meisten Kühe nie dürfen: spielen. Vor neun Jahren fing sie an, Stöcke aufzuheben. Mit Veronika beschäftigt sich heute eine Forscherin der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Dass eine Kuh Werkzeuge benutzt, hat selbst sie überrascht.
Frau Auersperg, wie sind Sie auf Veronika gestoßen?
Ich habe vor gut einem Jahr ein Buch über den Erfindergeist der Tiere geschrieben. Danach haben mir ständig Leute Videos geschickt von Tieren, die angeblich Werkzeuge benutzen. Das meiste war Fake. Aber dann kam ein Video von einer Familie aus Kärnten: Darauf kratzt sich eine Kuh mit einem Holzrechen den Rücken.
Was ist daran so besonders? Eine Kuh, die sich kratzt, klingt erst mal nach nichts.
Sie hat den Rechen mit den Zinken nach unten ausgerichtet, als würde sie seine Funktion verstehen. Im Sommer plagen Rinder die Fliegen. Deshalb stellt man ihnen feste Kratzbürsten hin, ähnlich wie in einer Autowaschanlage. Kühe lieben das. Veronika hat diesen Effekt offenbar auf ein loses Werkzeug übertragen und damit Stellen erreicht, an die sie sonst nicht so leicht herankommt.
Sie sind in Ihrer Definition von Werkzeug sehr streng. Warum?
Weil vieles als Werkzeuggebrauch verkauft wird, was keiner ist. Für uns ist ein Werkzeug dann ein Werkzeug, wenn ein Tier es „verkörpert“ einsetzt: Es muss einen Gegenstand aufnehmen, auf ein Ziel zubewegen und am Ziel eine mechanisch-dynamische Verbindung herstellen, die ihm etwas nützt. Wenn eine Kuh einen Melkroboter bedient, ist es deshalb keiner, weil der Roboter schon dasteht. So streng definiert kommt echter Werkzeuggebrauch in der Natur selten vor.
Und Veronika hat den Test bestanden …
Um zu zeigen, dass ihr Verhalten zielgerichtet ist, gaben wir ihr einen Deckschrubber, ein asymmetrisches Objekt. Dabei fanden wir etwas Unerwartetes: Veronika benutzt nicht nur die Schrubber-Seite, sondern auch das Stiel-Ende. Den Schrubber setzt sie dort ein, wo das Fell dick ist, am Rücken. Mit dem Stiel stupst sie sanft die empfindlichen Stellen, Euter und After. Sie verwendet also ein und dasselbe Werkzeug für zwei Zwecke.
Was bedeutet das?
Ein solches Mehrzweckwerkzeug kennt man aus der Natur fast ausschließlich von einer Tierart: Schimpansen, die mit der dicken Seite eines Astes einen Termitenbau aufstoßen und mit der dünnen die Termiten herausfischen. Das einzige andere Beispiel ist Veronika. Allerdings setzt sie das Werkzeug am eigenen Körper an, die Schimpansen richten es nach außen. Da muss man vorsichtig sein.
Setzt Werkzeuggebrauch ein Verständnis von Ursache und Wirkung voraus, also auch ein Gedächtnis?
Veronika hat sich über neun Jahre verbessert und gelernt, welcher Griff besser funktioniert. Ob das ein echtes kausales Verständnis ist, müssen wir noch erforschen. Aber es gibt Hinweise: Will sie ihren After erreichen, die am schwersten zugängliche Stelle, hebt sie vorher den Schwanz und fasst den Besen ganz hinten. Das spricht dafür, dass sie planen könnte.
Warum kann Veronika das und die meisten anderen Kühe nicht?
Wenn man einem Kind kein Spielzeug gibt, lernt es auch nicht, mit Gegenständen umzugehen. Die Fähigkeit steckt in den Tieren, sie zeigt sich aber nur unter bestimmten Bedingungen. Veronika wurde nicht als Nutztier gehalten, sondern fast wie ein Haustier: sie hatte im Gegensatz zu den meisten Kühen ein langes Leben und eine stark bereicherte Umgebung.
Was heißt das für die Haltung?
Wenn die Forschung einen Effekt hat, wäre das schön: dass man die Intelligenz von Rindern in der Haltung ernster nimmt. Wir haben kaum Haltungsformen, in denen Kühen lose Objekte zur Verfügung stehen. Ob ihnen Spielzeug im Stall gut täte, ist nicht erforscht. Aber es lohnt sich, hinzuschauen.
Es gibt einen weiteren Faktor: die Milch.
Kälber bekommen meist nur so viel Milch, dass ihr Immunsystem sich aufbaut, viel weniger, als sie trinken würden. Studien zeigen: Bekommen sie die Menge, die sie von Natur aus nähmen, spielen sie normal. Bekommen sie die in der Milchhaltung übliche Menge, spielen sie gar nicht.
Das heißt, das Spielverhalten wird ihnen früh abtrainiert.
Eher abgetötet, weil ihnen die Energie fehlt. Das sind Fragen, über die man nachdenken sollte, wenn man diese Tiere nutzt.
Wie sieht es mit der sozialen Intelligenz von Rindern aus?
Das untersuchen Kollegen. Sie zeigen, dass Kühe starke soziale Bindungen haben, beste Freunde in ihrer Herde, und Stress, wenn man sie trennt. Sie erkennen bis zu hundert Artgenossen wieder und unterscheiden Menschen, die sie gut behandelt haben, von denen, die das nicht taten.
Sie sprechen von einem blinden Fleck. Warum hat die Forschung Kühe so lange übersehen?
Rinder leben seit zehntausend Jahren mit uns, und trotzdem gehen wir davon aus, dass sie dumm sind. Die Kognitionsforschung an Kühen blüht erst auf. Hinzu kommt eine Voreingenommenheit: In Befragungen halten Menschen Tiere für weniger intelligent, wenn sie essbar sind. Wir reisen auf ferne Inseln, um Werkzeuggebrauch zu sehen. Und dann findet man so etwas in Kärnten, zwischen Dorfkirche und Grundschule. Das gibt zu denken.
Zur Person
Alice Auersperg ist Kognitionsbiologin am Messerli-Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Sie erforscht, wie Tiere Werkzeuge erfinden. Ihr Buch „Der Erfindergeist der Tiere“ erschien 2024. Die Studie zur Kuh Veronika veröffentlichte sie mit ihrem Postdoc Antonio Osuna-Mascaró.
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