MÄNNLICHE KÄLBER
Das verborgene Schicksal der männlichen Milchkälber
Ein dunkles Kapitel der Rinderzucht handelt vom Schicksal männlicher Milchkälber. Viel ist nicht bekannt – aber genug, um sich zu entsetzen.
Das Leben der sogenannten Nutztiere hat seine Härten und Grausamkeiten. Die meisten Verbraucher nehmen diese aber, mehr oder weniger bewusst, hin. Ethisch gehen sie d’accord mit dem Tierschutzgesetz, das es gestattet, Tieren Leid zuzufügen, wenn es nur einen „vernünftigen“ Grund dafür gibt.
Vernünftig ist in dieser Perspektive alles, was, irgendwie, einen Nutzen hat, beim Rind etwa die Produktion von Milch, Fleisch oder Leder. Für viele beginnt aber dort eine ethische Grauzone, wo der Nutzen fehlt oder sich in reine Ökonomie verflüchtigt. Etwa wenn die männlichen Küken von Legehennen geschreddert werden, weil die Überoptimierung aufs Eierlegen sie für die Mast wertlos macht.
Weil die Kalorien in die Milch fließen
Eine ähnliche, aber weniger bekannte Thematik findet man bei den Kälbern von Milchkühen. So wie eine Henne Eier legt, um sich fortzupflanzen, gibt eine Kuh nur Milch, wenn sie ein Kalb geboren hat.
Anders als viele Menschen vermuten, ist die Milch also nicht einfach ständig verfügbar. Sie ist Teil des natürlichen Fortpflanzungszyklus der Kuh. Nach der Geburt des Kalbes beginnt die Milchbildung. Damit eine Kuh über Jahre Milch geben kann, muss sie jedoch immer wieder ein Kalb bekommen. Für den Milchbetrieb entsteht damit jedes Jahr aufs Neue dieselbe Frage: Was geschieht mit den Kälbern, die sich nicht vermarkten lassen?
Bei vielen Zweinutzungsrassen, wie dem in Süddeutschland stark verbreiteten Fleckvieh, gehen die Kälber in die Mast. Sie setzen gut Fleisch an, daher bekommen die Milchbauern anständige Preise für sie. Sie erwartet das ganz normale Leben eines Bullen, das nach 12 bis 24 Monaten mit der Schlachtung endet.
Anders ist es bei reinen Milchrassen. Wie bei den Legehennen macht die Züchtung auf Hochleistung den männlichen Nachwuchs für die Mast ungeeignet. Die Holstein-Rinder etwa setzen kaum Fleisch an, da sie Kalorien überwiegend in Milch investieren. Für ihre Kälber erhalten Landwirte viel weniger Geld als für die anderer Rassen, ungefähr die Hälfte. Hinter diesem Unterschied steckt jahrzehntelange Zuchtarbeit. Milchviehrassen wurden gezielt auf eine möglichst hohe Milchleistung selektiert. Fleischrassen dagegen werden danach beurteilt, wie schnell und effizient sie Muskelmasse aufbauen. Das Ergebnis sind Tiere, die für jeweils unterschiedliche Zwecke „optimiert“ sind.
Niederlande – Zentrum der europäischen Kälbermast
Über das, was mit diesen weniger wertvollen Kälbern geschieht, gibt es wenig belastbare Angaben. Viele verlassen den Milchviehbetrieb bereits nach wenigen Wochen und werden über Händler an spezialisierte Mastbetriebe verkauft. Ein wichtiger Abnehmer sind die Niederlande. Dort hat sich über Jahrzehnte eine hochspezialisierte Kälbermast entwickelt. Für die Tiere bedeutet das: Kaum auf der Welt, beginnt bereits die nächste Etappe – weg von der Mutter, weg vom Herkunftsbetrieb und hinein in ein europaweites Produktionssystem.
Die Kälber sind dabei keineswegs grundsätzlich ungeeignet für die Mast. Sie setzen lediglich weniger Fleisch an als Rinder, die gezielt auf Fleischleistung gezüchtet wurden. Für eine klassische Bullenmast sind sie deshalb wirtschaftlich weniger interessant. In den Niederlanden hat sich dagegen eine Industrie entwickelt, die genau auf die Mast junger Kälber spezialisiert ist. Was auf dem deutschen Milchviehbetrieb als wenig rentables Kalb gilt, wird dort zum Rohstoff einer großen Mastbranche. Das Bundeszentrum für Landwirtschaft bezeichnet die Niederlande als den wichtigsten Abnehmer von Kälbern aus deutschen Milchviehbetrieben. Rund 700.000 Kälber werden jährlich aus Deutschland in die Niederlande gebracht.
Sie werden über Ländergrenzen hinweg transportiert und in den Niederlanden mit Kälbern aus anderen europäischen Herkunftsbetrieben zusammengeführt. In Mastbetrieben werden die Kälber in Massenställen, meist auf Betonspaltenböden, gedrängt, oft tausende Kälber zusammen. Damit das Fleisch schön weiß bleibt, setzt man die Kälber auf Eisenentzug, weshalb sie oft unter Blutarmut leiden; nach einigen Monaten werden sie geschlachtet.
Wenn der Weg noch weitergeht
Andere Rinder reisen noch weiter. Für manche Tiere endet der Weg nicht in einem europäischen Mastbetrieb. Sie werden über lange Strecken in Drittländer transportiert, unter anderem in die Türkei oder weiter in den Nahen Osten und nach Nordafrika. Dort werden sie geschächtet, also bei vollem Bewusstsein ausgeblutet. Es gibt Berichte, dass ihnen davor die Glieder gebrochen werden, damit sie sich nicht wehren.
Was sich hinter solchen Transporten verbergen kann, zeigt ein dokumentierter Fall aus dem Jahr 2024: 69 trächtige Rinder aus Deutschland wurden an der türkischen Grenze bei Kapıkule wochenlang festgehalten. Für die Tiere wurde die Reise zum zermürbenden Ausharren: Sie mussten lange Zeit auf den Transportern bleiben, während erste Tiere verendeten und andere unter diesen Bedingungen ihre Kälber zur Welt brachten.
Man kann sich kaum vorstellen, was solche Fahrten für ein Tier bedeutet: Stunden und Tage auf einem Lastwagen, fremde Geräusche, Hitze, Enge und immer wieder neue Situationen. Ein Kalb wird zu einer Nummer auf einem Transportpapier. Es gibt keinen vertrauten Stall mehr, keine vertraute Umgebung – nur noch den nächsten Halt und die nächste Etappe.
Besonders heikel ist die Frage, was nach dem Überschreiten der EU-Außengrenze geschieht. Innerhalb der Europäischen Union gelten strenge Vorgaben für den Tierschutz beim Schlachten. Für bestimmte religiöse Schlachtungen gibt es allerdings Ausnahmen von der Pflicht zur vorherigen Betäubung.
Was mit einem einzelnen exportierten Tier am Ende tatsächlich geschieht, lässt sich nicht pauschal sagen. Sicher ist jedoch: Mit dem Grenzübertritt verschwindet sein weiterer Weg für den Verbraucher weitgehend aus dem Blickfeld.
Aus einem Kalb, das auf einem deutschen Milchviehbetrieb geboren wurde, kann so ein Tier auf einer Reise werden, die tausende Kilometer von seinem Geburtsort entfernt endet.
Damit das Kalbfleisch schön weiß bleibt
Kalbfleisch soll möglichst hell sein. Diese helle Farbe entsteht unter anderem durch eine geringe Eisenversorgung. Eisen wird für die Bildung von Hämoglobin benötigt, dem roten Farbstoff des Blutes, und spielt auch bei der Färbung des Muskelgewebes eine Rolle. Je mehr Eisen ein Kalb aufnimmt, desto dunkler kann das Fleisch werden. Für die Produktion von sogenanntem Weißkalbfleisch wird die Eisenaufnahme deshalb bewusst begrenzt.
Eine zu geringe Eisenversorgung kann dazu führen, dass der Hämoglobinwert im Blut absinkt. Die EFSA bewertet niedrige Hämoglobinwerte bei Kälbern als tierschutzrelevantes Problem und empfiehlt eine ausreichende Versorgung mit Eisen und geeignetem Raufutter.
Der Horror zusammengefasst: Das Kalb wird geboren, damit seine Mutter Milch gibt, von ihr getrennt, verlässt schon nach kurzer Zeit den Herkunftsbetrieb und wird über weite Strecken zu einem spezialisierten Mastbetrieb in die Niederlande oder noch weiter transportiert.
Geburt, Trennung, Transport, Mast, Nährstoffmangel und schließlich die Schlachtung – all das kann sich innerhalb weniger Monate abspielen. Für ein Stück Kalbsfleisch….
Manche Reisen beginnen erst gar nicht
Männliche Milchkälber werden in Bayern etwa doppelt so häufig tot geboren oder sterben innerhalb der ersten 28 Lebenstage wie weibliche Kälber. Bei Bullenkälbern liegt die Verlustrate bei etwa jedem zehnten Tier, besonders häufig bei Holstein-Rindern.
Eine Erklärung ist, dass Bullenkälber wegen ihrer Größe den Geburtskanal blockieren. Aber auch das ist nicht zu bestätigen. Und vermutlich wollen es die meisten Menschen auch gar nicht so genau wissen.
Und dann bleibt eine Frage, über die nur selten offen gesprochen wird: Was passiert mit einem Kalb, für das sich gar kein Abnehmer findet? Wir überlassen Euch die Antwort…
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