EXKURSION
Vegan in Biberach
Seit über 10 Jahren oder 150 Treffen gibt es den Veggietreff in Biberach – über 100 Empfänger und Empfängerinnen tummeln sich im Mailverteiler, die WhatsApp-Gruppe hat 33 treue Mitglieder. Bei nahezu jedem Treff waren die Gründer Stefan Roth und Viviane Roth dabei. Stefan erzählt im Interview mehr.
Wie kam es zum Veggietreff in Biberach?
Wir stellten uns als Familie im August 2012 auf vegan um und fühlten uns, was Kontakte betraf, ziemlich alleingelassen.
Kurzer Einwurf. Was war der Antrieb zur veganen Ernährung?
Wir waren 2010 über das Buch „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer gestolpert. Daraufhin veränderten wir nach und nach unser Konsumverhalten und wurden vegetarisch. Mein Lieblingsmensch Viviane aus ethischen Gründen. Ich war neugierig, wie sich die Ernährungsumstellung auf meine Multiple Sklerose auswirkte. Und war sehr überrascht. Denn als die letzten Milchprodukte vom Tisch fielen, waren die letzten störenden Symptome der MS weg.
Wirklich? Unglaublich!
Ja. Ich weiß nicht, ob eine vegane Ernährung allen Betroffenen hilft, aber es gibt viele Hinweise, dass Milchprodukte Multiple Sklerose verschlechtern. Bei mir war es in jedem Fall ein Durchbruch und wir blieben vegan. Um Gleichgesinnte zu finden, schlossen wir uns 2014 dem damaligen VEBU, heute ProVeg, als Regionalgruppe an. Da ich selbst Grafikdesigner und Cartoonzeichner bin, fiel uns die mediale Werbung leicht, und die ersten Flyer flogen schon bald in die Bäckereien und Bioläden von Biberach. Der erste Stammtisch fand im „stadt:cafe“ statt. Dass gleich beim ersten Treffen überraschend zehn Menschen auftauchten, hat uns sehr motiviert.

Wie ging es dann weiter?
Schon bald kamen – immer am zweiten Dienstag im Monat – bis zu 25 Personen zu den Treffen. Die Schwäbische Zeitung wurde auf uns aufmerksam, interviewte die Gruppe und veröffentlichte einen Artikel. Danach wurde es richtig lebendig. Die Treffen waren zeitweise so gut besucht, dass man sie fast schon moderieren musste.
Beeindruckend. War denn noch genug Platz im „stadt:cafe“?
Fast nicht mehr. Einmal gab es einen veganen Vortrag mit Brunch, da war die Bude gerammelt voll. Kurzzeitig entstand sogar ein weiterer Treffpunkt in Laupheim. Nach ein bis zwei Jahren wurde dort eine eigene Regionalgruppe gegründet, mit der die Biberacher Gruppe weiterhin zusammenarbeitete. Leider löste sich die Laupheimer Gruppe wegen interner Probleme 2018 wieder auf.
Oh, schade. Aber ihr seid weiter im „stadt:cafe“ geblieben?
Nein, auch nicht. Vegan war gerade stark im Kommen. Am Marktplatz hatte das „Schimpanski“ mit tollen veganen Optionen geöffnet – dort trafen wir uns einige Male. Dann eröffnete ein veganes Paar in Fischbach bei Ummendorf ein veganes Restaurant: das „Schmackofatz“. Auch dort war richtig was los. Die Gruppe hatte einen Ort, an dem Begegnung, Austausch und gutes Essen fast von selbst zusammenfanden. Sogar mit Musik – lange bis in die Nacht. Wir befinden uns in meiner Erzählung jetzt in den Jahren 2019, 2020 …
Dann kam also Corona …
Jupp. Und das ist dramatisch gelaufen. Unsere Gruppe war so erfolgreich und groß wie nie. Wir waren so viele, dass wir ein veganes Stadtfest in Biberach für Juni 2020 organisiert hatten. Die Plakate waren entworfen, die Bands gebucht, die Genehmigung lag vor – dann wurde es abgesagt. Das Restaurant in Fischbach schloss Ende 2021. Wir zogen ins „Motorworld Inn“ in Warthausen um, doch die Stammtische wurden seltener und die Verbindung untereinander schwächer. Auch wir blieben nicht vom coronalen Lagerdenken verschont.
Wie schade. Aber ihr habt es überstanden?
Die Pandemie hinterließ auch hier leere Stühle. Zeitweise saßen nur noch zwei oder drei Menschen am Tisch. An einem dieser schlecht besuchten Abende entstand eine einfache Idee: weg vom festen Wochentag, hin zu einem festen Datum. Seitdem findet der Veggietreff immer am 10. Tag des Monats statt – egal, welcher Wochentag das ist.
Hat das etwas verändert?
Ja! Wie durch ein Wunder kamen wieder mehr Menschen. Nachdem wir ein wenig durch die Restaurants vagabundiert sind, trifft sich die Gruppe mittlerweile unter anderem im „Zum Scharfen Eck“ bei hervorragender veganer Karte und auch wieder im „stadt:cafe“ in tollem Ambiente. Zu fast jedem Treffen kommen neue Gesichter dazu. Das ist schön zu sehen – und zeigt, dass das Interesse an veganem Leben, Austausch und Gemeinschaft weiterhin da ist.
Habt ihr euch immer nur zum Essen und Quatschen getroffen?
Nein. Obwohl es immer guttat – und auch heute noch guttut –, einfach Menschen zu treffen, denen du nicht erklären musst, dass weibliche Kühe von Natur aus Hörner haben und nicht immer Milch geben. Wir hatten auch viele Aktionen in Stadt und Region, etwa vegane Kuchenverkäufe zur Weihnachtszeit, Infostände zu Ostern, Demonstrationen gegen Pelz, zwei Aktionen beim politischen Aschermittwoch der Grünen in der Stadthalle sowie Mahnwachen bei Schlachthöfen und beim Zirkus. Wir hatten sogar eine Kinopremiere in der damaligen Traumfabrik für „Hope for All“.
Aber das hat aufgehört?
Leider. Mit der sinkenden Personenzahl wurden allerdings auch die Aktionen weniger. Hinzu kam, dass ProVeg, ehemals VEBU, die Regionalgruppenstruktur spontan beendete. Damit stand die Biberacher Gruppe plötzlich ohne Dachorganisation da – kampagnentechnisch erst einmal ziemlich im Regen.
Ich habe auch mal etwas vom veganen Stadtführer gehört …
Den hätte ich fast vergessen. Ja, das ist ein Projekt von mir: dem veganen Grafiker und Illustrator. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, alle Cafés, Restaurants, Bäckereien und Lebensmittelhändler in Biberach entweder anzuschreiben oder auszuforschen, was sie an veganen Angeboten haben. Das Ganze habe ich in ein kleines, geldbeuteltaugliches Heft in der Größe einer halben Postkarte – also A7 – verfrachtet und auch auf veggiebiber.de online gestellt. Das war eigentlich sogar unsere beste Karte. Wie ich bei manchen Veggietreffs höre, nutzen den noch viele.
Und wie geht es weiter mit dem Veggietreff Biberach?
Nun – ich werde mir mal wieder Zeit nehmen und alle Einträge des Online-Stadtführers für Biberach überprüfen. Am 10. Tag jeden Monats treffen wir uns weiterhin, und vielleicht starten wir auch wieder eine Aktion. Vor 12 Jahren kannten nur wenige den veganen Gedanken und waren sich der Qualen hinter tierischen Produkten bewusst. Heute sind die Informationen allen zugänglich. Daher hoffe ich, weiterhin viele neue Gesichter beim Veggietreff zu sehen.

Veggietreff Biberach
Der Veggietreff Biberach trifft sich immer am 10. jeden Monats. Die Lokalität wechselt kapazitäts- und terminbedingt. Ist aber immer in Biberach.
Die aktuellen Treffpunkte sind immer – neben dem beliebten veganen Stadtführer – auf veggiebiber.de zu finden.
Leckere Tipps in Biberach
Zum Scharfen Eck: Sehr feine Küche – nur vegetarisch und vegan
Schimpanski: Sehr gemütliches Café – viele vegane Optionen
stadt:cafe: Mischküche – vegane Optionen – üppige Portionen
Die grüne Pause: Der beste vegane Imbiss der Stadt
Auf dem Wochenmarkt sind „Rinkus indische Küche“ und „Adibs Falafel“ sehr zu empfehlen.
Gesunden Appetit 🙂
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