TITELTHEMA
Ein Superorganismus auf vier Klauen
Rinder sind wundervolle, sympathische und bildhübsche Geschöpfe. Darum sind sie das Titelthema unserr zweiten Ausgabe. Aber was für Tiere sind sie genau?
Die Frage, was für eine Art Tier das Rind ist, ist leicht beantwortet: Es ist, seiner Masse zum Trotz, kein Nutz-, sondern ein Fluchttier. Dennoch wird es seit 10.500 Jahren ausgenutzt. Für die Menschheit war dies entscheidend – aber es ist Zeit, damit Schluss zu machen.
Die Welt stellt sich dem Rind völlig anders dar als dem Menschen. Das beginnt bei den Augen: Sie sitzen seitlich am Kopf, wie bei Fluchttieren üblich, und decken ein viel weiteres Gesichtsfeld ab als die des Menschen – 330 Grad zu etwa 214.
Das Rind erkennt Gefahren rasch – sieht aber eher unscharf. Entfernungen kann es nur in dem relativ kleinen Winkel einschätzen, in dem sich die Sichtfelder beider Augen überlappen. Um einen Schatten von einem Loch zu unterscheiden, muss es den Kopf senken und stehen bleiben.
Mit den Ohren eines Rindes
Hervorragend dagegen ist das Gehör des Rindes: Es nimmt Töne von 23 Hertz bis 35 Kilohertz wahr, während für den Menschen schon ab 20 Kilohertz Schluss ist. Am empfindlichsten reagiert das Rind auf 8.000 Hertz, ein hoher, dünner Klang, höher als die höchste Taste eines Klaviers, wie fein fiepender Strom. Auf Lärm reagiert das Rind sensibel. Menschliches Geschrei stresst es, zeigen Studien, so sehr wie ein Stromstoß: Es treibt seinen Puls stärker hoch als ein schlagendes Gatter, und das Tier braucht zwanzig bis dreißig Minuten, um sich zu beruhigen.
Bemerkenswert ist auch die Nase: Ein Bulle riecht der Kuh an, ob sie brünstig ist, und seinen Artgenossen, ob sie Angst haben. Stress breitet sich in der Herde durch den Geruch des Harns aus. Auch der Kot eines Raubtiers in der Nähe macht Rinder vorsichtig.
Das Rind ist zwar ein Fluchttier und will nichts weiter von der Welt, als in Frieden Gras zu fressen – aber es ist ein großes, massives Fluchttier, das sich mit seinen festen Klauen und Hörnern zu wehren weiß und das auch deutlich kommunizieren kann.
Das Matriarchat der Kühe
In Freiheit leben Rinder in matrilinearen Verbänden: in Gruppen von Kühen mehrerer Generationen mit ihren Kälbern und den Jungtieren, geführt von einer meist alten, erfahrenen Leitkuh. In den Herden bilden Kühe, wie Menschen, Freundschaften und Antipathien. Die erwachsenen Bullen ziehen in Junggesellenherden umher; zu den Kühen stoßen sie nur, um sich zu paaren. Alte Bullen werden zu Einzelgängern.
Kein Organ – ein Superorganismus
Seine größte Stärke aber trägt das Rind im Bauch. Dieser besteht aus vier Kammern: Pansen, Netzmagen, Blättermagen und Labmagen. Erst die letzte arbeitet wie unser Magen. Die drei davor sind für die Vorbereitung.
Diesen Magen mit vier Kammern braucht das Rind, um seine Superkraft auszuspielen: Gras zu verdauen.
Evolutionär gesehen ist das ein Durchbruch. Gras besteht vor allem aus Zellulose. Das ist eine Kette aus Glucosemolekülen, die an sich auch den Menschen sättigen würden. Sie werden aber durch eine sehr stabile Verbindung zusammengehalten, die beta-1,4-glykosidische, kurz beta-Bindung. Säugetiere haben nur die Enzyme für die alpha-Variante. Sie können daher kein Gras verstoffwechseln.
Auch das Rind. Es leiht sich aber die Enzyme anderer Lebewesen. Denn die erste Kammer des Magens, der Pansen, ist weniger ein Organ als ein Superorganismus. In ihm leben mehr als eine Billiarde Mikrolebewesen: Bakterien, Archaeen, Pilze, Wimperntierchen. Diese können die beta-Bindung spalten. Im Grunde funktioniert der Pansen wie ein Gärbottich.
Zunächst aber schlingt das Rind das Gras nur grob gekaut in den Pansen. Denn solange es mit gesenktem Kopf weidet, ist es verletzlich. Erst wenn es in Sicherheit zur Ruhe kommt, würgt es das Gras wieder hoch – bis zu 100 Kilogramm passen in den Pansen –, um es erneut zu kauen. Das Wiederkäuen macht das Gras besser verdaulich und der Speichel sorgt dafür, dass im Pansen der richtige pH-Wert herrscht.
Die nächste Kammer, der Netzmagen, sortiert, was aus dem Pansen kommt. Die groben Stücke gehen zurück, um erneut gekaut zu werden, die feinen in die dritte Kammer: den Blättermagen. Der entzieht dem vergorenen Grasbrei Wasser, sodass er eindickt. Im Labmagen findet dann die eigentliche Verdauung statt: Dem Grasbrei werden die Nährstoffe entzogen.
Diese Fähigkeit ist die große Gabe des Rindes. Aber sie ist auch die Quelle seines Verhängnisses.
Vom Auerochsen zum Hausrind
Dank ihrer Superkraft breiteten sich die Rinder in Gebieten aus, auf denen wenig wächst außer Gras. Indem sie Gras rupfen, erhalten sie die Graslandschaft, die sie brauchen – und schaffen zugleich einen Lebensraum für viele Pflanzen und andere Tiere.
Für den Menschen wurde das Rind zur Maschine der Welt: chemisch, weil es Gras in Kalorien – Milch und Fleisch – sowie Dünger verwandelt; mechanisch, weil es Mühlsteine dreht, den Pflug durch den Acker reißt und Karren zieht. Nicht umsonst steckt im Vieh das Geld. Das lateinische pecunia, das Geld, stammt von pecus, dem Vieh; das englische fee – Preis, Gehalt, Gebühr – und das deutsche Vieh haben dieselbe Wurzel; das Wort Kapital geht, wie das englische cattle für Rind, auf caput zurück, das Haupt. Reichtum wurde lange in „Rind“ gemessen.
Fast jede alte Religion verehrte die Rinder: die Ägypter die kuhgestaltige Hathor, Göttin der Mutterschaft und Fruchtbarkeit; die Sumerer den Himmelsstier Gugalanna. Selbst An, der oberste Gott des Landes Sumer, wird oft als Stier dargestellt.
Ohne das Rind wäre die Menschheit, das sollte man anerkennen, nie dahin gelangt, wo sie heute steht. Das Smartphone in Ihrer Hand gäbe es nicht, ohne die Leistung der Rinder. Besser gesagt … ohne ihr Opfer.
Die wenigsten Rinder sehen die Weide
Rund 1,58 Milliarden Rinder leben auf der Erde: rund 305 Millionen in Indien, noch mal etwa 250 Millionen in Brasilien und die USA und China haben 86 bzw. 100 Millionen. In Europa leben in Frankreich mit 17,5 Millionen und Deutschland mit etwa 11 Millionen die größten Herden.
Zusammen sind die Rinder eine ökonomische Großmacht. Sie erzeugen im Jahr über 60 Millionen Tonnen Fleisch und rund 750 Millionen Tonnen Milch, dazu Leder, Talg, Gelatine und das Lab, das den Käse gerinnen lässt.
Die meisten dieser Rinder sehen leider nie eine Weide. Wo intensiv gewirtschaftet wird, steht das Vieh im Stall. In Deutschland kommt nur etwa jedes dritte Rind überhaupt auf die Weide. Die meisten fristen ihr Leben in Ställen, oft Laufställe, aber nicht selten in Anbindehaltung, vor allem in Bayern und Baden-Württemberg, wo die Höfe noch klein und alt sind. Aber auch auf der Weide werden die Rinder verfrüht aus dem Leben gerissen. Mastbullen mit etwa 18 Monaten, Milchkühe etwas später, in der Regel nach fünf bis sechs Jahren. Dabei können Rinder gut zwanzig Jahre alt werden; die älteste bekannte Kuh, die irische Big Bertha, brachte es auf fast 49 Jahre.
Dieses Opfer mag für Menschen einmal wichtig gewesen sein, um sich mit Nahrung, Kleidung, Dünger und Baumaterial zu versorgen. Heute ist es das längst nicht mehr. Zeit, das Rind in den verdienten Ruhestand zu schicken!















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