Tierschutz, Ernährung und Gesundheit in Ulm, Neu-Ulm und Günzburg

LEBENSHOF OBERMARCHTAL

Frieda – oder der Moment, der alles änderte

Auf dem Lebenshof in Obermarchtal leben knapp 50 Rinder – artgerecht und als Selbstzweck. Möglich macht dies der Verein Lebenshilfe Kuh und Co.

 ·  Regionales Tiere in der Region  ·  23. September 2026  ·  Aus Ausgabe 2/2026, S. 36, 37

Eine Kuh auf der Weide des Lebenshofes frisst begeistert ein Stück Brot. Bildrechte: Vegionale.

Auf dem Lebenshof in Obermarchtal leben knapp 50 Rinder. Nicht als Produzent von Fleisch und Milch, sondern artgerecht und als Selbstzweck. Möglich macht es der Verein Lebenshilfe Kuh und Co.

Sabine Massler springt begeistert auf den Stall zu. „Merle und Ludwig und Fenja, schön, dass ihr hier seid,“ ruft sie.

Sabine und Hubert. Bildrechte: Vegionale.

Die Kälber, Merle und Ludwig, recken ihre Köpfe neugierig durch das Gatter. Sie schlecken mit rauen Zungen über unsere Hände, lassen sich streicheln, greifen mit ihrem Maul nach unseren Kleidern und tollen durch den Stall. „Die Fenja, die Kuh, hat Zwillinge bekommen. Eine davon ist den Hang heruntergefallen und hat furchtbar geschrien. Das war die Merle.“

Ihr Bruder Ludwig war, wie alle männlichen Kälber, schon für die Mast bestimmt. „Man weiß nie, wo sie enden. In Holland oder Spanien in der Kälberzucht, wo man sie auf Eisenmangel setzt, oder in Saudi-Arabien, zum Schächten. Wer weiß,“ erklärt Sabine. In ihren Augen glitzern Tränen. Dann setzt sie, gerührt vor Freude, hinzu: „Ich bin so froh, dass du stattdessen hier bist, Ludwig!“

Eine Tierschützerin hatte Merle entdeckt. Aus Mitleid mit dem Kalb kaufte sie dem Bauern auch die Mutter, Fenja, sowie Ludwig ab und übergab die Familie Sabines Verein „Lebenshilfe Kuh und Co.“, der sie wiederum zum Lebenshof in Obermarchtal brachte.

„Wir haben komplett umgestellt,“ erzählt Peter K., der Besitzer des Hofes, „das war eine Entscheidung der ganzen Familie. Damit leben wir vom Pensionsbetrag für die Tiere und den Flächen-Subventionen. Alles, was wir produzieren, geht an die Rinder.“

Andere Berufskollegen lächeln darüber: „Du musst Biogas herstellen, Schweine mästen, die Fläche intensiv bewirtschaften. So denkt man üblicherweise. Wenn man den Kreislauf verlässt, irritiert das viele.“ Peter und seine Familie sind aber sehr glücklich mit der Entscheidung, und man merkt es ihnen an.

Das Verhältnis zwischen der Familie K. und Sabine und ihrem Mann Hubert, der vergnügt Kühe mit Brot und Äpfeln füttert, ist herzlich. Die Rinder hier sind neugierig und zutraulich. Sabine zeigt auf eine Fleckvieh-Kuh mit stolzen Hörnern: „Das ist Franzi, das letzte Kuhkalb von Frieda. Mit ihr begann im Oktober vor elf Jahren alles,“ erinnert sie sich.

„Ein Bekannter im Dorf rief mich an, um nach den schreienden Rindern im Stall vom Nachbarn zu schauen. Dort stand sie, die Frieda … mit eingewachsenem Horn, angebunden, die Klauen tief im Mist, die ‚Mastrinder‘ in Spaltboden-Buchten zusammengepfercht.“ Dieser Anblick veränderte etwas in Sabine. „Ich kniete vor Frieda nieder, versprach ihr, sie rauszuholen und für ihre Brüder und Schwestern zu kämpfen. Sechs Rinder konnte ich dem Halter abkaufen und ihn später sogar zur Hofaufgabe bringen.“

Im März 2016 gründete sie dann zusammen mit engagierten Menschen den Verein Lebenshilfe Kuh und Co. Mittlerweile hat der Verein 96 Rinder gerettet, die vom Veterinäramt beschlagnahmt wurden oder bei Hofaufgaben übrig blieben. Drei Höfe in Baden-Württemberg und ein Hof in der Eifel haben in Zusammenarbeit mit dem Verein auf das Lebenshof-Modell umgestellt. Sie bieten den Rindern mit herrlichen Weiden, Offenställen und bestem Rauhfutter ein würdevolles Leben.

Noch ein Blick auf die Weiden des Lebenshofes. Bildrechte: Vegionale.

Hier, in Obermarchtal, kennt sie fast jede Kuh und ihre Geschichte. „Das ist Ochse Bo, den hat ein 13-jähriges Mädel gerettet. Du Schöner!“ erzählt sie entzückt. „Der Braune, den haben wir aus einem schrecklichen Milchbetrieb geholt, ein Loch wie vor 50 Jahren. Und dort, schau, die Emily, die hat uns eine Schwarzwald-Bäuerin geschenkt. Grüß dich Emily. Die Vroni dagegen kommt aus Brandenburg, eine Laborkuh, an ihr wurden Pestizide getestet.“

Die Rinder auf dem Lebenshof in Obermarchtal haben zwar ein gelbes Schild mit Nummer im Ohr. Das ist ihr Ausweis. Aber sie haben auch einen Namen, eine Vergangenheit – und, am wichtigsten: eine Zukunft.

Gemeinsam ein Licht in die Ställe tragen

Auf den Lebenshöfen des Vereins Kuh und Co leben derzeit 96 Rinder, 2 Schweine, 2 Puten und 2 Ziegen. Die Hofbetreiber erhalten für die Versorgung der geretteten Tiere monatliche Apanagen. Je Rind 120 Euro. Momentan sind bis auf zwei Plätze alle Höfe voll belegt. Im Frühjahr und Herbst veranstaltet der Verein Kuuuhle Hoffeste.

Spenden oder Patenschaften, ab fünf Euro im Monat, sowie aktive Mitgliedschaften unterstützen den Verein. Er freut sich auf euren Besuch.

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