INTERVIEW
„Ungerechtigkeit tut mir körperlich weh.“
Die Ulmerin Miriam Broux sitzt im Bundesvorstand der Partei Mensch Umwelt Tierschutz und trat bei der letzten Landtagswahl als Spitzenkandidatin an. Hier im Interview.
Interview von Rouven Zietz
Der vegane Schokokuchen bleibt fast unberührt. Miriam Broux hat ihn bestellt, dazu einen Cappuccino, aber zum Essen kommt sie kaum während unseres fast zweistündigen Gesprächs. Am Nachbartisch im Café Aegis spielen Studenten Karten, zwei Tische weiter klackern die Steine eines Backgammon-Spiels. Broux, 37, ist in Ulm geboren und mit der Stadt verwachsen. Sie kämpft für Ziele, an die sonst kaum jemand glaubt.
Das mit dem körperlichen Schmerz – wie meinst du das?
Ich bin neurodivergent, vergangenes Jahr habe ich meine ADHS-Diagnose bekommen. Dazu gehört oft ein starker Gerechtigkeitssinn, und der trifft auf mich wirklich zu. Wenn ich Ungerechtigkeit sehe, ist das kaum auszuhalten, fast ein physischer Schmerz. Diesen Weltschmerz trage ich seit der Pubertät in mir. Und mit ihm das Bedürfnis, etwas Sinnstiftendes zu tun. Ich meckere nicht nur, ich überlege, was ich tun kann.
Wann wurde aus diesem Gefühl Politik?
2017. Damals stimmte der CSU-Agrarminister Christian Schmidt auf EU-Ebene für die Verlängerung von Glyphosat, gegen die Absprache mit der Umweltministerin. Da dachte ich: Es kann doch nicht sein, dass Profitgier über dem Verbraucherschutz steht. Wir vergiften Böden, Insekten und Vögel und wissen bei vielem nicht, was wir anrichten. Da war für mich klar: Ich muss selbst dahin, wo entschieden wird. Damit ich mit Bayer, Monsanto und Co. überhaupt auf Augenhöhe komme.

Von diesem Entschluss bis zum Engagement in einer Partei ist es ein weiter Weg. Wie hat sich das bei dir entwickelt?
Etwa zur gleichen Zeit bin ich aus der katholischen Kirche ausgetreten. Das Geld, das ich vorher als Kirchensteuer gezahlt habe, wollte ich in etwas stecken, das zu meinen Werten passt. Ich habe recherchiert und bin auf die Tierschutzpartei gestoßen. Ihr Grundsatzprogramm habe ich gelesen und dachte: Die gehen die Themen ehrlich an, wissenschaftsbasiert und ganzheitlich. Das war und ist bis heute meine politische Heimat. Den Entschluss, nicht nur Mitglied zu sein, sondern aktiv zu werden, hatte ich dann in einer Meditation. Kurz darauf habe ich mit Bastian Röhm die Regionalgruppe Ulm gegründet. Wir waren zu zweit, haben einen Flyer entworfen und gefragt: Wer aus Ulm und Umgebung wünscht, mitzumachen?
Wie viel Energie steckst du in deine politische Arbeit?
Über Jahre war das mein halbes Leben. Ich habe nachts den Laptop zugeklappt und bin sofort eingeschlafen. Plakate entwerfen und aufhängen, am Corporate Design mitarbeiten, am Europawahlprogramm mitschreiben – ich habe wirklich alles gemacht, was zu tun war. Dazu die Unterstützungsunterschriften, die wir vor jeder Wahl von Hand sammeln müssen. Zur Bundestagswahl 2021 war ich hochschwanger. Am Tag vor der Geburt stand ich am Infostand, beteiligte mich im Anschluss an einer Menschenkette gegen rechts, dann an einer Müllsammelaktion, und am nächsten Tag kam mein Sohn auf die Welt. Im Krankenhaus sorgte ich mich, wer jetzt die Plakate abhängt, damit ich keine Strafe zahle. So drin steckt man da.
Inzwischen sitzt eure Partei mit Sebastian Everding im Europaparlament. Bei der Wahl 2024 hat zum zweiten Sitz wenig gefehlt – wie wenig?
0,1 Prozent. Hätten wir die noch bekommen, hätte es für den zweiten Sitz gereicht. Das zeigt: Es kommt wirklich auf jede Stimme an.
Viele denken in der Wahlkabine, eine kleine Partei zu wählen, sei eine verschenkte Stimme.
Beim Wahl-O-Mat landen wir bei vielen Menschen auf Platz 1 oder unter den ersten drei. Eine Untersuchung hat ergeben, dass unser Programm am stärksten mit den Interessen der Bürgerinnen und Bürger übereinstimmt, mit 66 Prozent. Würden alle, die sagen „euch würde ich gerne wählen“, das wirklich tun, säßen wir in den Parlamenten. Bei uns machen die Leute das aus Überzeugung, mit Herzblut. Karrieristinnen und Karrieristen findest du kaum, dafür gäbe es leichtere Wege. Ich sage immer: Wir sind grüner als die Grünen und linker als die Linken.
Viele Vegionale-Leser teilen wahrscheinlich deine Werte. Wie erreicht man Menschen, die anders denken?
Ich verstehe die Wut von Leuten, die verzweifelt sind und denken: Es ist doch alles aufgeklärt, warum handeln die Menschen nicht? Ich habe nur gemerkt: Wer andere als ignorant oder dumm beschimpft, überzeugt niemanden. Man verbittert dabei selbst. Menschen umgeben sich mit denen, bei denen sie sich wohlfühlen und auch mal eine Schwäche zugeben dürfen. Also nicht schubsen, sondern ziehen, wertschätzend und gut gelaunt. Ich bringe zu jeder Grillparty meine veganen Würstchen und Steaks mit und kaufe bewusst mehr, damit die anderen probieren können. Und ich frage, was jemand schon umgestellt hat: Hafermilch im Kaffee, das Auto öfter stehen lassen. Von da aus geht es Schritt für Schritt weiter.
Gibt es einen Moment, der dich besonders trifft?
Wenn ich zur Arbeit gehe und an der Kreuzung ein Tiertransporter mit Schweinen vorbeifährt, muss ich jedes Mal weinen. Das sind fühlende Lebewesen, die ein schlechtes Leben hatten, und jetzt diesen Transport erleiden. Am Ende wartet ein grausamer Tod. In den Schlachthöfen geht es auch den Menschen nicht gut, da werden Mensch und Tier ausgebeutet. Dabei könnte man die Subventionen umlenken, hin zu denen, die es besser machen wollen.
Viele essen Bio-Fleisch und haben dabei ein gutes Gewissen.
Dann frage ich erst mal, was sie sich unter Bio überhaupt vorstellen. Für viele heißt Bio: Die Tiere laufen glücklich draußen herum und sterben am Ende an Altersschwäche. So ist es aber nicht. Bio sagt wenig darüber, wie ein Tier wirklich lebt – und geschlachtet wird es trotzdem. Wenn man das auseinandernimmt, fällt das gute Gewissen oft von selbst in sich zusammen. Lieber zeige ich aber, was die Alternative kann: Es gab einen Test mit Burger-Pattys (siehe S. 57), bei dem unter den zehn besten sieben pflanzlich waren, die ersten drei Plätze sowieso. Sie waren hygienischer, kamen ohne Antibiotika aus, waren gesünder und schmeckten besser. Wenn man Menschen nichts wegnimmt, sondern ihnen eine bessere Alternative zeigt und ein gutes Gefühl gibt, hilft das am meisten.
Ihr setzt euch für bio-vegane Landwirtschaft ein. Was heißt das?
Keine Pestizide, und weg von der tierhaltenden Landwirtschaft. Der entscheidende Punkt ist: Ein großer Teil unserer Felder dient heute gar nicht direkt unserer Ernährung, sondern wird als Futtermittel für Tiere angebaut. Fällt die Tierhaltung weg, wird genau diese Fläche frei – und das ist enorm viel. Auf ihr könnten Wälder wachsen und Naturschutzgebiete entstehen. Wir bräuchten am Ende sogar weniger Anbaufläche als heute, wenn wir lernen, auch krummes Gemüse wieder zu essen, statt es wegzuwerfen – weltweit gibt es 30.000 essbare Pflanzen, wir nutzen nur einen Bruchteil. Die Böden, heute oft überdüngt und ausgelaugt, würden sich erholen, das Grundwasser wäre sauberer, die Artenvielfalt käme zurück. Langfristig könnten Höfe zu Lebenshöfen werden. Kurzfristig will ich die Kastenstände beenden, in denen Sauen sich kaum bewegen können, und die Anbindehaltung, bei der Kühe im Stall festgebunden stehen, in ganz Deutschland verbieten.
Mich motiviert, dass die kleinen Schritte wirklich etwas bewirken.
Broux nimmt endlich einen Bissen von ihrem Schokokuchen. Sie legt die Gabel hin, bevor sie weiterspricht.
Du bist seit Jahren in der veganen und der Tierrechtsbewegung aktiv. Wo steht sie sich selbst im Weg?
Wir sind eine Bewegung aus sehr empathischen, leidenschaftlichen Menschen, und diese Leidenschaft schlägt manchmal nach innen statt nach außen. Manche treten sehr aggressiv auf. Ich verstehe das, es macht ja etwas mit einem. Aber es bewirkt oft das Gegenteil. Dieses Sich-im-Klein-Klein-Verlieren und gegenseitige Bekämpfen, statt an einem Strang zu ziehen, das können wir uns nicht leisten. Wir haben schon große Gegner.
Du musst mit viel Gegenwind rechnen, der Erfolg bleibt oft aus. Was hält dich motiviert?
Dass die kleinen Schritte wirklich etwas bewirken. In Ulm haben wir zum Beispiel betreute Taubenschläge durchgesetzt, in denen die Stadttauben versorgt werden, statt sie zu vertreiben. Nachts dürfen die Mähroboter nicht mehr laufen, das schützt die Igel. Und eine Katzenschutzverordnung wird künftig hoffentlich dafür sorgen, dass Freigängerkatzen kastriert werden, damit nicht immer mehr Tiere im Elend landen. Das sind kleine Dinge, aber sie wirken. Wenn ich mit jemandem spreche und diese Person danach nur noch Hafermilch trinkt, habe ich auch schon etwas bewegt. Es ist ein schönes Gefühl, Teil der Lösung zu sein und nicht Teil des Problems. Das ist sinnstiftend, fast heilsam. Sonst macht einen das alles depressiv. Mein Sohn ist vier und sagt von sich aus: Mama, wir essen keine Tiere. Das berührt mich sehr.
Stell dir die Region in zehn Jahren vor, wenn vieles gut läuft. Wo stehen wir?
Keine Pestizide mehr, eine begrünte Stadt, sichere Radwege. Wir sind gesünder, auch psychisch, das Stresslevel sinkt. Am liebsten würde ich den Schlachthof im Donautal schließen und die Biodiversität sich erholen lassen – eine kleine Insel der Gemeinwohlökonomie, in der nicht der Gewinn zählt, sondern der Beitrag zum Gemeinwohl. Wir hätten zukunftssichere Jobs und wären ein Vorbild für andere Regionen auf der ganzen Welt.
Zur Person
Miriam Broux, geboren 1989 in Ulm, ist Beisitzerin im Bundesvorstand der Tierschutzpartei und Co-Vorsitzende des Landesvorstands Baden-Württemberg. 2017 gründete sie mit Bastian Röhm, der heute im Ulmer Gemeinderat sitzt, die Regionalgruppe Ulm. Hauptberuflich arbeitet sie als Betriebsratsassistentin, nebenbei als Heilpraktikerin für Psychotherapie. Sie lebt vegan, hat einen Sohn und findet Kraft in Yoga und Meditation.
Kennenlernen? Stammtisch Tierschutzpartei im Hemperium, jeden ersten Montag im Monat ab 18 Uhr.
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